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Kölner Karneval

1950 – Trizonesien-Song – Nationalhymne der Nachkriegszeit

 

Trizonesien-SongKein Schlager traf die Stimmung der Nachkriegszeit so gekonnt wie das „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ von Karl Berbuer, einer humorvollen Nummer über das Besatzungsregime in den drei Westzonen. Den Titel hatte der einstige Bäcker Berbuer (Spitzname: „Et jecke Hefeteichen“) kurzfristig noch ändern müssen: Eigentlich hieß es „Bizonesien-Lied“, doch kurz vor dem Erscheinen wurde die britisch-amerikanische Bizone mit der französischen Zone zur sog. „Trizone“ vereinigt. Das Lied wurde schnell zum Hit und avancierte zur heimlichen Nationalhymne der Bevölkerung. Es prägte im Jahre 1949 den Karneval wie vor und nach ihm kein anderes Lied.

Das war kein Wunder, das Lied traf den Nerv der Zeit: Es brachte mit Augenzwinkern den Ärger über die Bevormundung durch die Besatzungsmächte und die Politik des alliierten Kontrollrats („ein kleines Häuflein Diplomaten“) zum Ausdruck. Das war damals nicht ohne Brisanz, denn Kritik an den Besatzungsmächten war mit einem strikten Tabu belegt. Doch Berbuer packte den kritischen Text musikalisch derart gekonnt in die fröhliche Karnevalsstimmung im 4/4-Takt, dass der Kritik  die Schärfe genommen wurde. Der einfache und eingängige Melodieverlauf und die teils banalen Stimmungselemente wie das „Hei-di-tschimelabumm!“ luden jedermann zum Mitsingen ein.

 

Britische Times: „Die Deutschen werden wieder frech“

Die britischen Besatzer waren über den Text zunächst „not amused“. Angesichts des Textes kein Wunder: „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, Hei-di-tschimmela, tschimmela-bumm, Wir haben Mägdelein mit feurig-wildem Wesien… Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen umso besser… Mein Lieber Freund, Die alten Zeiten sind vorbei, ob man da lacht, ob man da weint, Die Welt geht weiter, eins, zwei, drei…“ Das war ziemlich selbstbewußt. Nur vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs witterte die Besatzungsmacht einen aufkeimenden Revanchismus. Im  Frühjahr 1949 titelte daher sogar die altehrwürdige britische „Times“ mit Blick auf den Liedtext: „Die Deutschen werden wieder frech“. Doch wer genau hinhörte, entdeckte schnell, was Berbuer wirklich antrieb, nämlich etwa die Verballhornung des im Dritten Reich zur Religion erhobenen „Deutschen Wesens“ zum „Wesien“. Das ist alles andere als Nazi-Ideologie.

 

Der Trizonesien-Song als Ersatz-Nationalhymne

KarnevalsschlagerIn den Jahren 1949 und 1950 schmettere ganz Deutschland das Lied. Und beim ersten internationalen Radrennen in der Müngersdorfer Radrennbahn, auf der seit 1945 hauptsächlich Steherrennen ausgetragen wurden, erklang 1949 zu Ehren des Siegers Jean Schorn, einem Kölner, nach den Hymnen Belgiens und der Schweiz das „Trizonesien-Lied“ – als deutsche Ersatz-Nationalhymne! Und auch das Ausland lernte den Song lieben: Vor einem Fußballspiel in einem englischen Kriegsgefangenenlager zwischen Einheimischen und deutschen Gefangenen stimmte die Kapelle zunächst die englische Hymne „God save the King“ an, dann das „Trizonesien-Lied“ – und alle salutierten.

In dieser Zeit kam noch ein weiterer Schlager von Karl Berbuer zu internationalen Ehren: Bei einem Staatsbesuch in Chicago wurde ein peinlich berührter Konrad Adenauer mit Berbuers Schlager „Heidewitzka, Herr Kapitän“ aus dem Jahre 1936 begrüßt. Das war für Adenauer Antrieb, die damalige Debatte um eine neue Nationalhymne voranzutreiben, denn 1945 hatten die Alliierten das Deutschlandlied als Nationalhymne verboten. Zu martialisch war ihnen das „Deutschland, Deutschland über alles“.

Am 18. April 1950 verursachte Adenauer den Eklat: Während einer Veranstaltung im Titania-Palast in Berlin bat Adenauer die anwesenden „Damen und Herren“ überraschend, die dritte Strophe des Deutschlandliedes zu singen. Während die meisten Anwesenden aufstanden und die Strophe mit Inbrunst sangen, blieben die Vertreter der Westalliierten demonstrativ sitzen. Führende SPD-Funktionäre verließen empört den Saal. Der SPD-Vorsitzende Schumacher sprach später von einem „Handstreich“ und erklärte, wenn man die dritte Strophe singe, so meine man die beiden ersten.

In der daraufhin am Folgetag – dem 19. April 1950 – anberaumten Pressekonferenz begründete Adenauer seinen Schritt damit, dass Zeilen wie „Wir sind zwar keine Menschenfresser / doch wir küssen um so besser“ auf Dauer eine Nationalhymne nicht ersetzen könnten und verwies mit Augenzwinkern auf das Radrennereignis im Kölner Stadion im Jahre zuvor:

„Ich glaube, es war im vorigen Jahr, da war im Kölner Stadion eine sportliche Veranstaltung gegenüber Belgien. Es war auch manches belgische Militär in Uniform da vertreten, und schließlich wurden die Nationalhymnen angestimmt, und die Musikkapelle, die offenbar einen sehr tüchtigen und geistig gegenwärtigen Kapellmeister gehabt hat, hat ohne besonderen Auftrag, als die deutsche Nationalhymne angestimmt werden sollte, das schöne Karnevalslied „Ich bin ein Einwohner von Trizonesien“ angestimmt.“

Und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt fügte er als peinliche Randnotiz hinzu:

„Was ich Ihnen jetzt sage, ist vertraulich für Sie, das ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Da sind zahlreiche belgische Soldaten aufgestanden und haben salutiert, weil sie glaubten, das wäre die Nationalhymne.

 

Der Narrenschiff-Brunnen zu Ehren von Karl Berbuer

Der Narrenschiff-Brunnen zu Ehren von Karl Berbuer

1952 wurde die dritte Strophe des Liedes der Deutschen dann tatsächlich zur Nationalhymne. Adenauer hatte sich durchgesetzt.

Auch heute noch kennt in Köln jedes Kind den „Trizonesien-Song“, der Karl Berbuer unsterblich machte. Heute erinnert der Narrenschiff-Brunnen auf dem Karl-Berbuer-Platz im Kölner Severinsviertel an den großen Musiker.

 

Weiterführende Informationen:

Karl Berbuer: Hier auf Karnevalslieder.de

Liedtext: Karl Berbuers Trizonesien-Song

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